Kleine Schule- große Chance

Jahrgangsgemischte Freiarbeit in Themenräume

Schlitten- große, kleine, rote, blaue und graue. Manche sehr robust, andere eher zerbrechlich. Viele kann man steuern- durch Bremsen links und rechts, durch ein Lenkrad, die Füße, Gewichtsverlagerung oder eben auch nicht. Alle werden unten ankommen- manche sehr schnell, andere gemächlich. Einige werden übers Ziel hinausschießen- hoffentlich steht dann jemand da und fängt sie auf. Das wichtigste ist, dass keiner auf der Strecke bleibt.

Die Grundschule Schimmeldewog ist eine einzügige staatliche Grundschule mit 80 Schülerinnen und Schülern. Sie liegt idyllisch am Waldrand in dem kleinen Ort Unter-Schönmattenwag im Odenwald in der Nähe von Heidelberg und hat im Winter einen hervorragenden Schlittenhang neben dem Schulhof.

Wir verstehen unsere Schule als Lern- und Lebensraum und legen großen Wert auf eine lebendige, freundliche, mit positiven Emotionen verbundene und von allen gemeinsam getragene Lernatmosphäre.

Aus diesem Grund ist es uns wichtig, dass „unsere“ Kinder (und wir) in einer  Lernumgebung arbeiten können, die die Selbstständigkeit und Kreativität fördert,  das Selbstbewusstsein stärkt, den Forscherdrang nicht aufhält und die Individualität achtet.

Aus diesem Grundverständnis heraus führten wir schon vor Jahren Wochenplänen, “Lesen durch Schreiben” und ersten Projekten bei uns an der Schule ein. Die Wochenpläne wurden bald durch die Freiarbeit in einer vorbereiteten Umgebung in jedem Klassenraum ersetzt.

Dies erforderte durch das begrenzte Budget unserer  kleinen Schule einiges an Kreativität. Es gab aber immer noch viele Dinge, die uns störten. Nicht jedes Zimmer hatte das Montessori Mathematikmaterial, in einem Zimmer wurde viel gebaut und experimentiert, in einem anderen verfassten die Kinder tolle Geschichten und bearbeiteten asie in Schreibkonferenzen. Eine Klasse druckte mit der Freinet-Druckerei, eine andere schrieb die Geschichten am PC. Auch das Lesen lief in den Klassen sehr unterschiedlich.

Diese Vielfalt gefiel uns natürlich, wir fragten uns aber, wie wir es schaffen könnten, dass alle Kinder diese Möglichkeiten erhielten. Dass wir anfangs noch an der Jahrgangsklasse festhalten wollten, wir uns die Freiarbeit ohne Jahrgangsmischung in Zukunft aber auch nicht so recht vorstellen konnten, war ein weiteres Sorgenkind. Die Idee, die unsere Probleme mit einem Schlag lösen sollte, war dann eines Tages plötzlich da und erschien uns so logisch, dass wir sie schon zwei Wochen später in die Tat umsetzten:

Wir gestalteten unsere gesamte Schule zu einer vorbereitete Umgebung um- aufgeteilt in 5 Themenräume.

Nach zwei Wochen intensiver Vorbereitung räumten wir zusammen mit den Kindern die Zimmer um- alles Lesematerial, das gemütliche Sofa  und die Bücherei in den neuen Leseraum; Experimente, kosmisches Material, Sachbücher, Werkzeug und Naturalien in die Forscherwerkstatt; Rechtschreibphänomene, Federn und Tusche, Buchstaben und Grammatik in den Schreibraum; Perlen, Messwerkzeuge, Sachrechenmaterial und Geometrie in das Mathelabor und Motorikförderung, Spiele und Musikinstrumente in die Lerninsel.

Der Prozess des Umräumens ( wohin kommt denn die Definition über Wale- Forscherwerkstatt oder Leseraum- aber man schreibt dann doch auch ein Wal-Buch…) hat den Schülerinnen und Schülern, aber auch uns viele neue Einsichten in die Vielschichtigkeit des Lernens gebracht- auf jeden Fall war nach der Umräumaktion jeder und jedem klar, welche Arbeit man wo machen kann und welche Materialien in welchem Raum zu finden sind.

Die ersten Tage waren sehr spannend für alle Beteiligten, aber unser Konzept ging auf: Wir hatten jetzt eine Lernumgebung, wie wir sie uns vorgestellt hatten. Die Freiarbeit profitierte von Anfang an stark von der nun entstandenen Jahrgangsmischung 1-4. Es entstand ein Klima von gegenseitigem Respekt und Rücksichtnahme. Innerhalb kurzer Zeit wurde spürbar, dass sich die Vielfalt und Intensität der Arbeiten der Schülerinnen und Schüler vervielfachte. Dies liegt unserer Überzeugung nach auch daran, dass jeder Lehrer/jede Lehrerin einen kompletten Raum zu seinem/ihrem Fachgebiet gestalten kann.

Anfangs war es für uns noch ein Problem, dass wir manche Arbeiten der Kinder nicht so einfach einem Raum zuordnen konnten. Da die Kinder aber immer wussten, welches Thema sie in welchem Raum bearbeiten wollen, war dies auch bald für uns Erwachsene kein Thema mehr. Ich erinnere mich an ein Kind, das seine Tiergeschichte (es ging um eine Spinne, die eine abenteuerliche Reise durch die Wiese unternahm) natürlich in der Forscherwerkstatt schrieb. Da waren ja auch die ganzen Spinnenhäute, Käfer, Schmetterlinge und Schlangen…

Die Umstellung brachte natürlich nicht nur Vorteile mit sich. Trotz der intensiven gedanklichen Vorbereitung war das Festhalten der Lernfortschritte der einzelnen Kinder anfangs schwierig. Es musste uns erst klar werden, dass diese Dokumentation nur durch ein Team aller Beteiligten  (Schüler, Lehrer und Eltern) geleistet werden kann. Wir haben dafür ein Konzept entwickelt, das auf 3 Säulen basiert.

Jedes Kind führt am Ende der Freiarbeit und während der Projekte ein Lerntagebuch. Darin beschreibt und zeichnet das Kind seine aktuelle Arbeit, seinen Lernweg und seine Erkenntnisse. Die Einträge im Lerntagebuch werden jeden Tag direkt nach der Freiarbeit kurz mit der Lehrperson des Themenraums  besprochen und dienen später dem Klassenlehrer/der Klassenlehrerin als Information für die Lerngespräche.

Zusätzlich führen wir für jedes Kind ein Lernentwicklungsheft. Hierin werden ähnlich einem Pensenbuch alle neu gelernten Lerninhalte, Methoden, Kompetenzen grafisch dargestellt und kommentiert. Am Ende jeder Arbeit werden zusammen mit dem Kind in einem Abschlussgespräch alle neu erworbenen Kompetenzen in den zugehörogen Kuchenstücken angemalt. Je weiter nach außen ein Kuchenstück angemalt ist, umso kompetenter ist das Kind in dem Lernbereich. Dadurch, dass auch jedem Schuljahr eine andere Farbe zugeordnet ist, bekommen Kinder, Eltern und Lehrekraft jederzeit einen Überblick über den Lernstand des Kindes.

Die dritte Säule sind unsere regelmäßigen Lerngespräche mit dem Kind, seinen Eltern und dem Klassenlehrer/der Klassenlehrerin. Hierbei tauschen sich alle Beteiligten ungefähr dreimal im Jahr aus. Diese Treffen sind uns sehr wichtig geworden und auch die Kinder genießen es, ihren Eltern ihr Portfolio zu zeigen oder über eine aktuelle Arbeit zu berichten und zu erklären, was sie dabei gelernt haben.

Ein typischer Tag verläuft folgendermaßen:

Während der offenen Anfangsphase ( Gleitzeit) kommen die Kinder nach und nach an und machen sich langsam ( oder schnell…) in einem der Themenräume an ihre Arbeit. Die Arbeitsmaterialien dazu haben sie entweder in der Hängemappe, die jedes Kind in den Themenraum hängt, in dem  es arbeitet, oder sie liegen auf einem Teppich/Tablett im Raum. Während der Freiarbeit können die Kinder im Raum arbeiten, aber natürlich auch im Flur oder in der Aula, im Schulgarten oder auf dem Schulhof. Während der Freiarbeit läuft auch die gezielte Lernförderung mit einzelnen Kindern oder einer kleinen Gruppe von Kindern in der Lerninsel. Am Ende der Freiarbeitsphase schreibt jedes Kind sein Lerntagebuch  und bespricht sein Tagesergebnis kurz mit dem Lehrer/der Lehrerin des Raumes. Alle Arbeitsmaterialien, die für die Fortsetzung der Arbeit noch benötigt warden, kommen wieder in die eigene Hängemappe (zu dem Lerntagebuch und dem Lernentwicklungsheft) oder auf beschriftete Tabletts/Teppiche.

Wenn ein Kind (nach einigen Tagen) seine Arbeit beendet hat, präsentiert es bei Interesse seine Ergebnisse in der Schülerkonferenz und führt ein abschließendes Lerngespräch mit dem Lehrer/der Lehrerin des Raumes. Dabei wird dann auch das Lernentwicklungsheft mit dem Kind ergänzt und ein Foto der Arbeit  für den Abschlussbericht im Lerntagebuch ausgedruckt . Am folgenden Tag wechselt das Kind dann in einen anderen Raum- auf zu neuen Ideen…

Auf die Freiarbeit folgt eine 40minütige Pause. In dieser Zeit können die Kinder an unserem Frühstücksbuffet, das jeden Morgen von 6 Kindern mit einem Elternteil zubereitet wird, frühstücken,  sich Spiele für draußen oder drinnen ausleihen oder einfach nur irgendwo auf dem Schulgelände rennen, buddeln oder entspannen.

Nach der Pause treffen sich die Kinder in der Klasse in einem Gesprächs-, Planungs- oder Beschwerdekreis, der von den Kindern selbständig geleitet wird. In der anschließenden individuellen Übungszeit übt jedes Kind in Stillarbeit Themen vorrangig aus den Bereichen  Deutsch und Mathematik. Das genaue Ziel wird dabei mit jedem Kind einzeln besprochen und festgelegt.

Diese sehr ruhige Phase geht dann nach einer kurzen flexiblen Pause in die Projektzeit über. Da der gesamte Stundenplan für alle Klassen bis 12.05h parallel liegt, können die meist ein bis zweiwöchigen Projekte jahrgangsübergreifend durchgeführt werden. Dabei werden die Themen entweder von den Kindern oder von dem Lehrer/ der Lehrerin im Kreisgespräch vorgeschlagen und geplant. Um den Überblick über alle Fächer zu behalten, haben wir alle Fachstunden des Schuljahres in  Projekte umgerechnet und daraus einen Projektplan erstellt. In einem 8 Wochenrhythmus sind dann zB. 2 Wochen für Kunst, 1 Woche für Musik,1 Woche für Sachunterricht, 2 Wochen für Mathematik und 2 Wochen für Deutsch reserviert. Die Projekte enden immer mit einer Präsentation und einer angemessenen Würdigung der Arbeitsergebnisse.

 

Wir haben unser Konzept seit 2005 jedes Jahr evaluiert und sukzessive weiterentwickelt. Dabei kamen die Ideen von allen Mitgliedern der Schule, egal ob Schüler/Schülerin, Lehrkraft, Elternteil, Hausmeisterin oder  Sekretärin zum tragen… Es ist uns wichtig, dass wir alle unsere Ideen und Bedürfnisse innovativ in den Prozess unserer Schulentwicklung einbringen. Darüber hinaus sind wir in verschiedenen Schulpartnerschaften und Vereinigungen wie dem Verbund “Blick über den Zaun” oder dem “Archiv der Zukunft” aktiv und freuen uns über Besucher und Besucherinnen, die einen Außenblick einbringen. 2009 hat auch Reinhard Kahl unsere Schule entdeckt und für seinen Film “Spielen, lernen, leben” bei uns gedreht. 2010 wurden wir für unser Konzept mit dem Innovationspreis Südhessen ausgezeichnet.

Ich denke, dass man Schule immer wieder neu denken muss. Es muss aber nicht immer das ganz große neue Konzept sein- auch mit kleinen Schritten und pragmatischen Veränderungen an der richtigen Stelle kann man Schule fundamental umgestalten. Natürlich benötigt man am Anfang Mut, um die Schule  an die eigenen Gegebenheiten anzupassen. Leider (oder zum Glück?) sind solche Umstellungen nicht immer genau planbar und es zeigen sich erst im Prozess des Wandels welche Hacken und Ösen noch umschifft werden müssen. Daraus entstehen dann oft die besten Konzepte. Als kleine Schule hat man bei solchen Innovationsprozessen natürlich viele Vorteile, die sollte man auch nutzen!

Manchmal muss man eben das Rad nicht neu erfinden, nur anders montieren- vielleicht hat man dann auch plötzlich einen ganz tollen Schlitten…

Kontakt:

Grundschule Schimmeldewog

Kirchstrasse 14a

69483 Wald-Michelbach/ Unterschönmattenwag

Telefon: 06207/2110

Fax: 06207/9434800

grundschule-unterschoenmattenwag@kreis-bergstrasse.de

www.kleine-schule.de